Artikel verfasst von
Caroline Vernaillen
Lead Global Policy & Advocacy
vernaillen@democracy-international.org
Vom 15. Bis 19. April 2026 versammelten wir im Kulturbunker Köln-Mülheim 137 Teilnehmer, darunter Gäste aus zehn Ländern, zu LichtLabor Demokratie: Europas Rolle in der Welt .
Dies war nicht nur die Abschlussveranstaltung von „EU for Global“. Es war unser Versuch, über eine bloße Zusammenfassung des Projekts hinauszugehen – und stattdessen einen Raum zu schaffen, in dem seine Ideen hautnah erlebt werden konnten.
Von 665 Stimmen zu einer gemeinsamen Frage
Das „LichtLabor Demokratie“ bildete den Abschluss der EU für Globa l projekt, an dem 665 Bürger aus acht EU-Mitgliedstaaten – Deutschland, Rumänien, Malta, Griechenland, Dänemark, Spanien, Lettland und Bulgarien – im Rahmen von sechzehn Bürgerpanels teilnahmen.
In diesen Podiumsdiskussionen setzten sich die Teilnehmer mit grundlegenden und oft schwierigen Fragen auseinander: Wofür steht die Europäische Union? Wer hat Einfluss auf ihre Gestaltung? Und welche Verantwortung trägt sie in einer Welt, die von Konflikten, Ungleichheit und demokratischem Rückschritt geprägt ist?
Uns ist durchaus bewusst, dass diese Fragen im Laufe dieses Projekts nur noch dringlicher geworden sind. Anhaltende Angriffe auf den Multilateralismus, die Rechtsstaatlichkeit und die regelbasierte internationale Ordnung sind zunehmend Teil der politischen Landschaft geworden. Vor diesem Hintergrund ist die Rolle der EU als globaler Akteur keine abstrakte Debatte mehr, sondern ein konkretes Anliegen.
Trotz der Vielfalt der Kontexte und Themen – von Migration und Klima über Desinformation bis hin zu Gerechtigkeit und Jugendbeteiligung – kristallisierte sich eine klare Botschaft heraus: Die Bürger erwarten eine inklusivere, partizipativere und werteorientierte Europäische Union, sowohl im eigenen Land als auch auf der internationalen Bühne.
Auf unseren Reisen durch die Union in den vergangenen Jahren haben wir gesehen, wie stark sich die Menschen mit dem europäischen Projekt verbunden fühlen. Es herrscht die klare Überzeugung, dass die EU für etwas steht – für Menschenrechte, für Zusammenarbeit, für Demokratie –, aber auch das Gefühl, dass diese Werte konsequenter geschützt und von ihren Institutionen und Führungskräften sichtbarer vertreten werden müssen.
Die Bürger engagieren sich zunehmend. Sie glauben an die Zusammenarbeit zwischen den Staaten und an die Bürgerbeteiligung. Aber sie formulieren auch klare Erwartungen: Die Entscheidungsfindung muss zugänglicher werden, besser auf das Tempo und die Komplexität globaler Herausforderungen eingehen und den Betroffenen in sinnvoller Weise offenstehen.
Sie forderten eine EU, die sich konsequent für die Menschenrechte einsetzt, die demokratische Teilhabe stärkt, in Bildung und bürgerschaftliches Engagement investiert und gerechtere Partnerschaften über ihre Grenzen hinaus aufbaut. Vor allem forderten sie eine Union, die nicht nur von Werten spricht, sondern diese auch lebt.
Mehr als nur Berichte: Ein Erlebnis schaffen
Angesichts des Umfangs dieser Empfehlungen haben wir uns bewusst dafür entschieden, nicht mit einer herkömmlichen Darstellung der Ergebnisse abzuschließen.
Stattdessen, LichtLabor Demokratie wollte eine andere Frage beantworten – wie können Menschen diese Ideen nachempfinden?
Gemeinsam mit dem Künstler Edda Dietrich , haben wir die Themen des Projekts in eine immersive Licht- und Klanginstallation umgesetzt. Dietrichs Arbeit, geprägt von ihrem journalistischen Hintergrund und ihrer künstlerischen Praxis, bewegt sich an der Schnittstelle zwischen politischer Bildung und öffentlichem Diskurs. Ihre Installationen, die unter anderem auf Schloss Hambach und bei „silent green“ in Berlin zu sehen waren, sollen demokratische Fragen greifbar machen und Räume schaffen, in denen Menschen ihnen nicht nur intellektuell, sondern auch körperlich und emotional begegnen können.
In Köln entstand so ein partizipativer Ausstellungsraum, der sich im Laufe der Zeit weiterentwickelte. Die Besucher gingen nicht einfach nur durch die Installation hindurch, sondern interagierten mit ihr, trugen zu ihr bei und sahen ihre eigenen Perspektiven darin widergespiegelt. Der Raum fungierte im wahrsten Sinne des Wortes als Labor: offen, unvollendet und von denjenigen geprägt, die ihn betraten. Workshops schufen gemeinsame Momente der Reflexion, während die offene Ausstellung eine kontinuierliche Auseinandersetzung ermöglichte.
Dieser Wandel – von der Erklärung hin zur Erfahrung – war für uns von entscheidender Bedeutung. Wenn Demokratie, wie Dietrich es beschreibt, ein Prozess ist, in dem wir darüber verhandeln, wie wir zusammenleben, dann braucht sie Räume, in denen diese Verhandlung spürbar wird.
Gemeinsam Komplexität bewältigen
In den Workshops wurde diese Erfahrung erprobt, hinterfragt und weiterentwickelt.
Anstatt Schlussfolgerungen zu präsentieren, luden wir die Teilnehmer dazu ein, einige der drängendsten Spannungsfelder zu erörtern, die sich in den Bürgergremien herauskristallisiert hatten. In einer gemeinsamen Sitzung mit dem Verein Timcheh , Die Teilnehmer erarbeiteten, wie globale Narrative entstehen, und verfolgten dabei die Zusammenhänge zwischen Akteuren, Interessen und Informationsflüssen. Was zunächst wie vereinzelte Nachrichtenmeldungen erschien, entpuppte sich schnell als Teil komplexer Systeme, die von Macht, Perspektiven und Auslassungen geprägt sind. Der Prozess machte sichtbar, was oft verborgen bleibt, und eröffnete eine Diskussion darüber, wie Demokratie in einem Umfeld funktionieren kann, das von Desinformation und konkurrierenden Narrativen geprägt ist.
In einem anderen Bereich verlagerte sich der Fokus von der Analyse hin zur Handlungsfähigkeit. Unter der Leitung des Illustrators Maren Trey , wurden die Teilnehmer dazu aufgefordert, sich in Machtpositionen zu versetzen und ihre Prioritäten in visuelle Wahlkampfbotschaften umzusetzen. Durch Zeichnungen, Collagen und Gestaltungselemente wurden abstrakte politische Ideen zu konkreten Aussagen. Das Ergebnis war nicht nur Kreativität, sondern auch Klarheit – das Gefühl, dass Teilhabe erst dann Sinn macht, wenn Menschen artikulieren können, wofür sie stehen und wie sie sich Gehör verschaffen wollen.
Gleichzeitig schufen andere Formate Raum für eine persönlichere und emotionalere Auseinandersetzung. Anhand von Gedichten und Diskussionen setzten sich die Teilnehmenden – insbesondere die jüngeren Stimmen – mit ihrem Platz in der Demokratie sowie mit Fragen der Zugehörigkeit, der Repräsentation und der Mitsprache auseinander. Diese Gespräche unterstrichen etwas, das wir während des gesamten Projekts beobachtet hatten: Bei Partizipation geht es nicht nur um den Zugang zu Institutionen, sondern auch darum, sich in ihnen anerkannt zu fühlen.
Als sich die Diskussionen zunehmend auf die Umsetzung konzentrierten, zeichnete sich ein wiederkehrendes Muster ab. Auf die Frage, wie ihre Ideen weiterverfolgt werden könnten, griffen die Teilnehmer*innen oft auf ihnen bereits bekannte Beispiele zurück: partizipative Instrumente innerhalb der EU, Räume, in denen Bürger*innen sich organisieren, Vorschläge einbringen und die Entscheidungsfindung beeinflussen können. Von dort aus erschien der Sprung auf die globale Ebene weniger abstrakt als erwartet. Wenn diese Instrumente in einem politischen System existieren können, warum dann nicht auch in anderen?
In einer Sitzung, in der es darum ging, Empfehlungen in Taten umzusetzen, wurde dieser Gedankengang noch deutlicher. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer setzten sich damit auseinander, wie ihre Vorschläge weiterverbreitet werden könnten – vom lokalen Kontext über europäische Prozesse bis hin zu globalen Ebenen. Ideen wie Bürgerversammlungen oder repräsentativere parlamentarische Strukturen auf internationaler Ebene erschienen nicht als fernliegend oder utopisch, sondern als Weiterentwicklung bestehender Praktiken. In diesem Sinne waren Forderungen nach einer demokratischeren Vereinigten
Die Idee der Nationen trat nicht als eigenständige Forderung in den Vordergrund, sondern als logische Fortsetzung der Überzeugung, dass Teilhabe nicht an Grenzen Halt machen sollte.
Bei all diesen Anlässen wurde eines erneut deutlich: Die Menschen sind bereit, sich auf lokaler, europäischer und globaler Ebene zu engagieren, erwarten aber, dass die Strukturen ihnen entgegenkommen.
Ein offenes Labor für Demokratie
Die ganze Woche über blieb der Ausstellungsraum geöffnet – nicht als fertiges Produkt, sondern als sich ständig weiterentwickelnder Prozess. Die Beiträge der Besucher wurden fortlaufend einbezogen, sodass sich die Installation im Laufe der Zeit weiterentwickelte und veränderte.
Diese Offenheit spiegelt wider, was wir in den verschiedenen Bereichen gelernt haben EU für die Welt : Demokratie lässt sich nicht auf ein einziges Modell reduzieren. Sie erfordert zwar strukturierte Beratungen, braucht aber auch Räume, die zugänglich und experimentell sind und auf die Art und Weise eingehen, wie sich die Menschen tatsächlich einbringen.
Zudem wächst die Erwartung, dass die EU als einzigartiges demokratisches Projekt diesen Weg weitergehen sollte. Die Bürger erkennen zwar die Fortschritte an, die bei der Öffnung der Entscheidungsprozesse erzielt wurden, fordern jedoch ehrgeizigere Maßnahmen und erwarten, dass die EU partizipative Instrumente auf internationaler Ebene aktiv verbreitet und verteidigt.
Was bleibt
Die Bürgerforen haben eines deutlich gemacht: Die Menschen möchten sinnvoll an der Gestaltung der Rolle Europas in der Welt mitwirken. Sie wünschen sich Mitbestimmung, Rechenschaftspflicht und ein konsequentes Bekenntnis zu demokratischen Werten.
LichtLabor Demokratie hat nicht versucht, diese Forderungen zu klären. Stattdessen hat sie sie konkretisiert und damit den Weg in die Zukunft aufgezeigt.
Wenn die vergangenen Jahre eines gezeigt haben, dann ist es, dass die Bürger in ganz Europa bereit sind, Verantwortung für die Zukunft der Union zu übernehmen. Das tun sie bereits. Die Frage ist, ob die Institutionen und die politischen Entscheidungsträger bereit sind, diesem Engagement gerecht zu werden.
Für uns ist dies die bleibende Erkenntnis aus diesem Projekt: Demokratie darf nicht nur diskutiert oder gestaltet werden, sie muss gelebt, geteilt und ständig neu verhandelt werden.